«Nothing about me without me»

Praxisentwicklung

Laura von Mandach, Leiterin Analyse und Praxisentwicklung, 
Mitglied der Geschäftsleitung des SKJV 
Marc Wittwer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Analyse und Praxisentwicklung des SKJV
 

Der Satz «Nothing about me without me», stammt aus dem Umfeld der politischen Bewegung von und für Menschen mit Behinderung. Er formuliert den Anspruch, direkt Betroffene bei für sie relevanten Entscheiden mitwirken zu lassen. Der Einbezug von (ehemals) strafverurteilten Personen ist auch für den Justizvollzug gewinnbringend. 

«lived experience»

«Lived experience» bedeutet, dass Personen durch Lebenserfahrungen in einem spezifischen Bereich eine eigene Expertise mitbringen. Sie kennen das System von innen. Dass diese Menschen für die Mitgestaltung von Strategien und Massnahmen eine wertvolle Ressource darstellen, wurde bereits erkannt: Es gibt Patient:innenräte, gesetzgeberische Initiativen von Menschen mit Behinderung und so weiter. Im Fall des Justizvollzugs sind Personen mit «lived experience» strafverurteilte und ehemals strafverurteilte Personen. Diese können auf unterschiedliche Arten beigezogen werden, zum Beispiel:  

  • bei Konsultationen und Feedbacks
  • in Betroffenenräten
  • durch Beteiligung als Peers
  • im Rahmen von Projekten  
  • auf Management-Ebene, zum Beispiel beratend als Mitarbeitende oder als Mitglied eines Management-Boards

Blick nach Grossbritannien

Wir haben mit zwei ehemals strafverurteilten Personen gesprochen, die sich heute für die Weiterentwicklung des Justizvollzugs in Grossbritannien einsetzen.   

Darren Burns (nachfolgend: D.B.) ist ausgebildeter Polizeioffizier. Wegen eines Delikts während des Dienstes wurde er verurteilt. Er verlor dadurch Stelle, Geld und Umfeld. Seine Familie hielt zu ihm. Zurück in Freiheit durfte er bei Timpson, dem grössten britischen Dienstleister für Schuhreparaturen, Schlüsseldienste und chemische Reinigung, in einem Job-Programm wieder Fuss fassen. Heute leitet er die Timspon-Stiftung. Sie ist für die Arbeitsintegration von Hunderten von ehemals strafverurteilten Personen verantwortlich. Ein Erfolgsrezept, für das die Stiftung dieses Jahr den «King’s Award for Enterprise» der britischen Regierung verliehen bekam. 

Caragh Arthur (C.A.) ist Mutter, Ehefrau, Schwester. Sie lebt in London und arbeitet für den britischen Justizvollzug (His Majesty's Prison and Probation Service, HMPPS). Heute ausgebildet als Sozialarbeiterin und Anthropologin, hat Caragh einen schwierigen Weg hinter sich. Abhängigkeiten, häusliche Gewalt und psychische Erkrankungen begleiteten sie vom Jugendalter an. Dadurch wurde sie als junge Frau auch unzählige Male in den Freiheitsentzug eingewiesen. Für ihr grosses Engagement wurde Caragh 2023 mit dem «Butler Trust Award» für ausserordentliche Leistungen im Bereich des Justizvollzugs geehrt. 

 

Wie trägt ihr dazu bei, das System des Justizvollzugs zu verbessern?

C.A.: Ich bilde Fachpersonen aus und helfe dabei, neue Modelle für den Justizvollzug zu entwickeln. Ich arbeite mit Leuten zusammen, die zum Beispiel ein Programm realisieren wollen, das ehemals inhaftierten Personen hilft nach ihrer Entlassung einen Arbeitsplatz zu finden. Aber die verantwortlichen Leute wissen nicht, wie sie Massnahmen formulieren und auf die Menschen zugehen sollen. Ich helfe ihnen die Denkweisen von Personen im Gefängnis besser zu verstehen.  

D.B.: Die Timpson-Gruppe war der erste Arbeitgeber in Grossbritannien, der ehemals strafverurteilte Personen angestellt hat. Um die Personen in die Arbeitsprogramme zu integrieren, braucht es ein Gespür dafür, wo das möglich ist und wie. Ich bin verantwortlich für diese Programme: führe Gespräche und Abklärungen mit (ehemals) inhaftierten Personen, um sie zu platzieren und zu begleiten.  

C.A.: Wir haben bemerkt, dass das Aufsichts- und Betreuungspersonal nicht daran glaubt, dass die inhaftierten Personen reintegriert werden können. Wieso sollte es auch? Mitarbeitende verlieren ja die Personen, die erfolgreich reintegriert werden, aus dem Blick. Ich habe in einem Projekt gearbeitet, das die Stimme von ehemals verurteilten Personen für das Personal der Einrichtungen spürbar machte. Das ist wichtig, damit die Fachpersonen merken, was ihre Arbeit bewirkt und damit ihre Sinnhaftigkeit sehen.

Welche Fähigkeiten bringt ihr aufgrund eurer «lived experience» mit?

C.A.: Früher war ich konstant kriminell, weil ich suchtbetroffen war. In meinem Umfeld lebte ich sehr gefährlich. Ich wurde bedroht, entführt, misshandelt und von allen Seiten unter Druck gesetzt.  Darum bin ich sehr gut darin, Risiken zu antizipieren. Das ist für die Arbeit im Justizvollzug sehr nützlich. Ich verstehe auch nonverbale Kommunikation sehr gut. Ich kann gut Beziehungen pflegen und Personen gut einschätzen.  

D.B.: Ich kenne den Freiheitsentzug aus eigener Erfahrung. Für Personen, die das nicht kennen, kann dies Unsicherheiten auslösen: der Lärm, der Geruch, die Blicke. Ich habe keine Angst, keine Vorurteile und kein Misstrauen gegenüber strafverurteilten Personen. Meine Gespräche mit ihnen sind daher offener und ehrlicher. Auch die Arbeitserfahrung bei der Polizei hilft mir. Dort habe ich Führungserfahrungen gesammelt und Organisationskompetenzen entwickelt.  

Warum engagiert ihr euch für Personen im Justizvollzug?

C.A.: Es gibt einen kleinen Anteil von verurteilten Menschen, die böse sind. Aber 99% sind es nicht. Das sind Leute, die in der Jugend falsch abgebogen sind. Als Kinder hatten sie bestimmt auch Hoffnungen und Träume – und in Haft zu sitzen war mit Sicherheit nicht Teil davon. Natürlich haben sie einen Fehler begangen. Aber sie waren gleichzeitig vielleicht auch Opfer. Für mich geht es darum, diesen Menschen etwas zurückzugeben.  

D.B.: Durch meine Arbeit lerne ich Personen kennen, die sich oft am Tiefpunkt ihres Lebens befinden. Im Namen meines Arbeitgebers bin ich dann die Person, die auf sie zugeht und ihnen etwas Positives, einen Job und eine Perspektive bietet. Diese Aufgabe erfüllt mich sehr: Menschen dabei zu helfen, die Fehler der Vergangenheit hinter sich zu lassen und nach vorne zu schauen.

Welche Risiken gibt es bei «lived experience» im Justizvollzug?  

D.B.: Diskriminierungen können geschehen, gerade wenn (ehemals) strafverurteilte Personen sich in Unternehmen engagieren. Bestehende Teamdynamiken können aufgrund der Integration einer Person mit «lived experience» belastet werden. Und wenn sie für eine Organisation tätig ist, die mit Kunden arbeitet und sich nicht so aufführt, wie das von ihr erwartet wird, kann dies auch für die Unternehmen schwierig sein.  

C.A.: Wir haben Projekte realisiert, wo ehemals Strafverurteilte zurück in Gefängnisse gegangen sind. Da muss man garantieren können, dass die Personen genügend Distanz gewonnen haben. Was zum Beispiel, wenn jemand sie aus ihrer Zeit der Inhaftierung wiedererkennt und es zu Gewalt kommt? Was, wenn sie «lived experience» nutzt, um für Bekannte in den Einrichtungen Ware einzuschmuggeln? Es braucht in jedem Fall vorgängig eine gute Abklärung.  

Worauf muss ich achten, wenn ich ein Projekt lanciere, bei dem Personen mit «lived experience» beteiligt werden?

C.A.: Einige dieser Personen kommen aus einem sehr benachteiligten Umfeld – geprägt von Armut, Sucht oder Gewalt. Viele leiden unter psychischen Erkrankungen und einem geringen Selbstwertgefühl. Um mit Leuten mit einem solchen Rucksack zu arbeiten, braucht es Zeit, Geduld und Struktur.  

D.B.: Probleme mit Sucht oder psychischen Erkrankungen müssen je nachdem vorgängig angesprochen werden. Und auch Personen mit «lived experience» müssen Fähigkeiten mitbringen, die ihrer neuen Aufgabe entsprechen. Trifft man die Wahl vorsichtig, zeigt sich, dass sie tüchtig, sehr loyal und ehrlich sind. Bei Timpson bleiben die ehemaligen Inhaftierten deutlich länger auf ihren Stellen als sonstige Angestellte.  

Beispiele aus der Schweiz und Potenzial für die Zukunft

Auch in der Schweiz tut sich etwas im Hinblick auf «lived experience»: In den letzten Jahren haben sich etwa Peer-Projekte in der forensischen Psychiatrie entwickelt. Kantonale Initiativen, um die Vollzugsplanung in einem partizipativen Prozess zu optimieren, sind angelaufen. Im Concordat Latin wurden im Rahmen des Projekts «Objéctif Désistance» Personen mit «lived experience» in die Gestaltung der Angebote in der Bewährungshilfe einbezogen.  

Die Schweizer Projekte bestätigen, dass der Einbezug von Personen mit «lived experience» Gewinn für beide Seiten bietet. Für (vormalig) strafverurteilte Personen bringt er mehr Selbstwert, Zuversicht, soziale Kompetenzen sowie mehr Autonomie. Für den Justizvollzug erlaubt der Einbezug von «lived experience» eine Verbesserung von Abläufen und Strukturen. Damit wird die Akzeptanz und die Wirkung des Gesamtsystems gefördert.  

Links:

Center for crime and justice studies (Hg.) (2022). Prison service journal – Special edition : engagement and co-production

Buck, Gilian, Tomczak, Philippa und Kaitlyn Quinn (2022). This is how it Feels: Activating Lived Experience in the Penal Voluntary Sector. In: The British Journal of Criminology, 62(4), S. 822-839.