Der Mensch im Mittelpunkt: Interkulturalität als Schlüssel zum Zusammenleben

Praxisentwicklung

Meriam Mastour, Juristin, Expertin für Fragen rund um Migration und Diskriminierung

Im Anschluss an das Forum Justizvollzug 2024, das der Thematik von ausländischen Personen im Justizvollzug gewidmet war, hat das SKJV die Überlegungen fortgeführt und ein Dossier zum Thema «» erarbeitet. Um an diese Arbeit anzuknüpfen, haben wir Meriam Mastour getroffen, Juristin, Expertin für Fragen rund um Migration und Diskriminierung, und Moderatorin des Forums 2024. Wir haben ihr einige Fragen gestellt, um die interkulturellen Herausforderungen im Justizvollzug besser zu verstehen und das Themendossier durch ihren Input als Expertin zu ergänzen. Hier sind ihre Antworten: 

Sie sind Juristin und bieten Beratungen an. Was genau ist Ihr Fachgebiet?  

M. M.: Ich habe praktische Erfahrung und Fachwissen in den Bereichen Migration, Antirassismus, sexistische und sexuelle Gewalt. Ich befasse mich auch mit den Themen Interkulturalität und Multikulturalität. Der Schwerpunkt meines Fachgebiets liegt also in den Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der Bekämpfung von Diskriminierung.  

Was motiviert Sie?  

M. M.: Mich motiviert die menschliche Intelligenz. Ich denke, dass wir Menschen von Natur aus miteinander auskommen wollen. Aber uns trennen Hürden, die durch unsere persönlichen Geschichten, Ängste, Vorurteile, geschichtliche Ereignisse oder einfach durch die Struktur unserer Gesellschaften entstanden sind. Zu realisieren, dass Situationen geklärt werden können, indem diese Hürden abgebaut werden, gibt Hoffnung. Der Mensch hat ein viel grösseres Interesse daran, sich um gutes Zusammenleben zu bemühen als umgekehrt.  

Was ist das Besondere an der Situation in der Schweiz, im Vergleich zu anderen Ländern? Kann man von einem fruchtbaren Boden für Interkulturalität sprechen?  

M. M.: Ja, die Interkulturalität liegt wirklich in der DNA der Schweiz. Die Schweiz ist seit ihrer Gründung ein mehrsprachiges, multireligiöses und multikulturelles Land. Es gab immer dieses Bewusstsein der Notwendigkeit des Zusammenlebens und der gegenseitigen Abhängigkeit. Eine funktionierende Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die aus ihrer Vielfalt eine Stärke machen kann. Ausserdem ist es erwiesen, dass beispielsweise in einem Unternehmen ein diverses Team mit stark unterschiedlichen Personen kreativer ist, sich mehr herausfordert und somit bessere Leistungen erbringt. Heute haben wir vielleicht mehr Schwierigkeiten mit Kulturen, die, in Anführungszeichen, von anderswo kommen, und mit Religionen und Bräuchen, die uns exogen erscheinen. Dies ist eine echte Herausforderung, vor allem im Justizvollzug, wo ein sehr hoher Anteil der Personen einen Migrationshintergrund hat.

Was ist genau gemeint, wenn man von Interkulturalität im Justizvollzug spricht?

M. M.: Spricht man im Justizvollzug von Interkulturalität, meint man einerseits alles, was die Lebensgewohnheiten betrifft: Ernährung, Glaube, Hygiene. Es geht um sehr praktische Fragen des Zusammenlebens. Andererseits meint man auch implizite kulturelle Bezüge und Wertvorstellungen. Was versteht man unter dem Begriff Gerechtigkeit? Wie kann das Schweizer Verwaltungssystem, das manchen zu rational oder starr erscheint, verständlich erklärt werden? Wie erreicht man, dass die in der Schweiz üblichen, hierarchischen Verhältnisse akzeptiert werden? Was gilt in den verschiedenen Kulturen als höflich? Was gilt dagegen als gefühlskalt und abschätzig?  

Was konnten Sie im Rahmen Ihrer Zusammenarbeit mit dem SKJV, der Moderation des Forums Justizvollzug 2024 und der Erarbeitung des Themendossiers im Austausch mit den Vertreter:innen aus der Praxis feststellen?

M. M.: Zunächst einmal ein hohes Bewusstsein bei allen Akteur:innen vor Ort, welche Herausforderungen die Vielfalt der Personen im Justizvollzug mit sich bringt. Sie sind sich auch über die Möglichkeiten und Grenzen im Klaren, wie ich fand. Wenn wir gerade von Grenzen sprechen, möchte ich Stefan Schmid und Hervais Kamdem zitieren, die beide in der Psychotherapie tätig sind. Sie rufen uns dazu auf, darauf zu achten, nicht alle Verhaltensweisen, die man als abweichend empfindet, dem kulturellen Hintergrund zuzuschreiben. Nicht jedes Verhalten muss durch die kulturelle Brille analysiert werden. Und schliesslich habe ich auch den echten Wunsch wahrgenommen, es gut und richtig zu machen und innovative Lösungen zu finden.

Haben Sie inspirierende Ansätze und bewährte Verfahren im Bereich Inklusion und Diversitätsmanagement entdeckt?  

M. M.: Es ist sehr interessant, denn es wird einem vor Augen geführt, dass Zeit und Mittel begrenzt sind. Aber es gibt in der Schweiz sehr interessante Ansätze. Zum Beispiel Workshops zu verschiedenen Länderküchen, Bürokurse, in denen die inhaftierten Personen Vorträge vorbereiten, beispielsweise über lokale, kommunale oder kantonale Traditionen. In Genf gibt es eine Einrichtung, die darauf achtet, Fachpersonen anzustellen, die die am häufigsten von den inhaftierten Personen gesprochenen Sprachen beherrschen. Die gleichen Bestrebungen gibt es im Tessin und in der Waadt. Die Sprachen stehen im Fokus. Natürlich gehört der Einsatz von Dolmetschenden bei Bedarf dazu, aber auch die Verwendung von technologischen Hilfsmitteln wie automatischen Übersetzungsprogrammen. Und schliesslich gibt es einen Anstaltsleiter, Rico Vincenz, der erklärte, dass für ihn die Präsenz von multikulturellen und multireligiösen Teams zwar wichtig sei, aber vor allem, und hier kommen wir zu den Soft Skills, brauchten die Mitarbeitenden die Fähigkeit zu Empathie und Geduld, insbesondere gegenüber inhaftierten Personen, die nicht wüssten, wie ihre Zukunft aussehen werde. Und so endete das Forum auf dieser wirklich positiven Note, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

Zahlreiche Justizvollzugsanstalten und Einweisungsbehörden klagen über Personalmangel. Welche Lösungsansätze gibt es in Zusammenhang mit meinem Fachgebiet? 

M. M.: Arbeitnehmende sind in diesem Bereich Druck von zahlreichen Seiten ausgesetzt, die fehlenden Ressourcen sind spürbar und die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit ist hoch. Es wäre wichtig, sowohl für das Wohlergehen des Personals als auch der inhaftierten Personen sowie der Personen auf Bewährung ausreichend Mittel bereitzustellen, denn dies hängt selbstverständlich zusammen. Durch gute Bedingungen für inhaftierte Personen und Personen auf Bewährung können Konflikte vermieden werden und die Mitarbeitenden sind bei der Arbeit zufriedener. Als zweite Massnahme würde ich vorschlagen, neu zu definieren, wer als qualifizierte Arbeitskraft für diese Bereiche gilt. Welche Qualitäten braucht man, um in diesem Bereich zu arbeiten, insbesondere mit einer multikulturellen Personengruppe? Es sind also sprachliche und kulturelle Kompetenzen gefordert, aber auch Soft Skills, die nicht unbedingt auf einem Diplom festgehalten sind. Es sind dies beispielsweise Konfliktmanagement, interkulturelle Kommunikation, Empathie, Anpassungsfähigkeit – und ich würde vielleicht sogar eine Eigenschaft wie Humor nennen. Ich denke, dass das Verlassen der bekannten Rekrutierungspfade wirklich einen positiven Effekt haben und die Betreuung von eingewiesenen und strafverurteilten Personen so verbessert werden könnte.  

Das SKJV bietet in der Aus- und Weiterbildung Schulungen zum Thema Interkulturalität im Justizvollzug an. Was ist der Mehrwert eines solchen Kurses für mich, als Teilnehmer:in? Und für mich als Vorgesetzte:r der Person, die den Kurs besucht und die entsprechenden Kompetenzen erwirbt?  

M. M.: Diese Kurse ermöglichen die Entwicklung eines reflexiven Bewusstseins, d. h. Verstehen der eigenen kulturellen Bezugspunkte, Erkennen der eigenen Voreingenommenheit und derjenigen der andern. Sie geben auch konkrete Werkzeuge an die Hand, mit deren Hilfe Missverständnisse entschärft und die Kommunikation verbessert werden können. Sie helfen dabei, die tägliche Arbeit besser zu verstehen und die Integrität der Menschen, mit denen die Person arbeitet. Dadurch wird die Qualität der Arbeit und die Zufriedenheit am Arbeitsplatz erhöht. Das ist natürlich ein strategisch wichtiger Mehrwert, denn wenn man Mitarbeitende hat, die in interkultureller Kompetenz geschult sind, arbeiten sie mit mehr Einsicht, es gibt weniger Konflikte und der Teamzusammenhalt ist besser. An sich sind diese Schulungen nicht wirklich ein optionales Extra, denn sie tragen zur Qualität des Arbeitsklimas, zur institutionellen Sicherheit und zum Vertrauen in die Institutionen bei, vor allem in einem Kontext wie dem Justizvollzug, der äusserst multikulturell ist.  

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