Ältere und kranke Menschen

Durch die Zunahme der Personen, die zu einer stationären Massnahme oder einer Verwahrung verurteilt werden und durch Tendenzen zu längeren Freiheitsstrafen, steigt der Anteil älterer Personen im Freiheitsentzug. Immer mehr Menschen altern und sterben im Freiheitsentzug.

Die Infrastruktur und die Betreuung in Hafteinrichtungen sind traditionellerweise nicht auf ältere oder betagte Inhaftierte ausgerichtet. Der Vollzugsalltag stellt körperlich Schwache nicht selten vor grosse Probleme.

Ältere Inhaftierte sind in der Regel stärker sozial isoliert als jüngere Personen und verfügen inner- und ausserhalb der Institution häufig über weniger Bezugspersonen. Aufgrund von Altersgebrechen und -krankheiten nimmt die bereits eingeschränkte Autonomie älterer Eingewiesener weiter ab.

In Bezug auf ältere und betagte Inhaftierte besteht für den Justizvollzug in mehrfacher Hinsicht Handlungsbedarf. Zur Diskussion stehen etwa die Anpassung von Infrastruktur sowie neue Betreuungskonzepte oder die Prüfung von Lockerungen des Vollzugsregimes bei der Aussicht auf eine lebenslange Haft.

«Die Frage, welcher alte Gefangene den Sicherheitsrahmen einer geschlossenen Anstalt braucht und welcher Senior in einem offenen, ebenfalls gesicherten Rahmen eines speziellen Altersheimes untergebracht werden kann, ist zentral. Es geht nicht an, dass alte, gebrechliche Gefangene jahrelang in Rollstühlen in geschlossenen Anstalten herumgeschoben werden. Erhebliche Einschränkungen der persönlichen Freiheit im Vollzug sind nur dann rechtmässig, wenn sie nicht unverhältnismässig sind. Alte Menschen werden tendenziell übermässig gesichert, sind also unrechtmässig untergebracht.» Ueli Graf, Alt, krank, eingesperrt. In: Verletzlichkeit und Risiko im Justizvollzug, Stämpfli Verlag 2015, S. 135.

Studie des SKJV

Eine 2019 publizierte Studie des SKJV gibt erstmals Auskunft über den Bestand und die Versorgung von Menschen über 60 Jahren im Justizvollzug. Auf Basis einer schweizweiten Erhebung bei 66 Einrichtungen des Justizvollzugs wird die Gesundheit der Senioren im Vollzug beleuchtet und die Ressourcen ermittelt, die heute für ihre Betreuung vorhanden sind. Zusätzlich wird mit Hilfe von statistischen Daten eine Prognose erstellt über die künftige Entwicklung dieser Altersgruppe bis im Jahr 2035.

Senioren kommen im Justizvollzug relativ selten vor

Von insgesamt 6'139 inhaftierten Personen sind nur 325 Personen 60 und mehr Jahre alt (5.3%). In der Bevölkerung ab 18 Jahren beträgt der Anteil Senioren 30 Prozent. Im Vergleich zu den jüngeren Inhaftierten, sind die Senioren in ihrer funktionalen Gesundheit häufiger eingeschränkt und häufiger wegen Krankheiten in ärztlicher Behandlung. Von den Senioren gelten 17 Personen als hilfsbedürftig (5.3%) und 10 Personen als pflegebedürftig (3.1%), während es bei den jüngeren Inhaftierten nur 0.7% bzw. 0.2% sind. 

Geeignete Infrastruktur nur teilweise vorhanden

Ältere Inhaftierte ab 60 Jahren kommen nur in 45 von 66 Einrichtungen vor. Viele Einrichtungen verfügen über keine spezielle Infrastruktur für deren Versorgung: Meistens existiert keine bauliche Trennung von älteren und jüngeren Inhaftierten, die auf altersspezifische Bedürfnisse Rücksicht nähme, und nur eine Minderheit der Einrichtungen besitzt eine spezielle Pflegeausstattung (z.B. stufenlose WC/Dusche, rollstuhlgängige Gebäude) oder ein an die Bedürfnisse von älteren Inhaftierten angepasstes Vollzugsangebot (z.B. altersgerechte Mahlzeiten, Arbeits- und Präventionsprogramme). Dafür haben zwei Drittel personelle Massnahmen für die Betreuung von Älteren umgesetzt. 

Pflegebedürftigkeit kann Einrichtungen überfordern 

Alles in allem legen die Befunde nahe, dass ältere Personen im Justizvollzug eine «Randerscheinung» bilden, deren Versorgung die Einrichtungen nicht per se vor Probleme stellt. Zugleich führt die Versorgungssituation vor Augen, dass die Einrichtungen bei einer erhöhten Pflegebedürftigkeit relativ rasch an ihre Grenzen gelangen. In diesen Fällen können Institutionen wie z.B. Spitäler, Kliniken oder forensische Heime die Pflege von älteren Menschen übernehmen.

Der Anteil älterer Personen wird in Zukunft steigen

Seit den 1980er-Jahren ist bei den 60 und mehr Jahre alten Personen gemäss BFS-Daten ein deutlicher Zuwachs zu verzeichnen, der sich in Zukunft fortsetzen wird. Wenn man der Prognose die Gefangenenzahlen der Periode 2000 bis 2017 zugrunde legt, ist davon auszugehen, dass sich die Zahl der älteren Inhaftierten im Strafvollzug von aktuell 200 bis im Jahr 2035 auf 350 Personen erhöhen wird, im Massnahmenvollzug von 96 auf 170 Personen. Bei kurzfristiger Betrachtung (Periode 2007 bis 2017) fällt der prognostizierte Bestand an über 60-jährigen deutlich höher aus.

Ältere und kranke Menschen im Justizvollzug