Ältere und kranke Menschen im Justizvollzug

Ergebnisse aus einem Pilotprojekt des SKJV

Eine Studie des SKJV gibt erstmals Auskunft über den Bestand und die Versorgung von Menschen über 60 Jahren im Justizvollzug. Auf Basis einer schweizweiten Erhebung bei 66 Einrichtungen des Justizvollzugs wird die Gesundheit der Senioren im Vollzug beleuchtet und die Ressourcen ermittelt, die heute für ihre Betreuung vorhanden sind. Zusätzlich wird mit Hilfe von statistischen Daten eine Prognose erstellt über die künftige Entwicklung dieser Altersgruppe bis im Jahr 2035.

Senioren kommen im Justizvollzug relativ selten vor

Von insgesamt 6'139 inhaftierten Personen sind nur 325 Personen 60 und mehr Jahre alt (5.3%). In der Bevölkerung ab 18 Jahren beträgt der Anteil Senioren 30 Prozent. Im Vergleich zu den jüngeren Inhaftierten, sind die Senioren in ihrer funktionalen Gesundheit häufiger eingeschränkt und häufiger wegen Krankheiten in ärztlicher Behandlung. Von den Senioren gelten 17 Personen als hilfsbedürftig (5.3%) und 10 Personen als pflegebedürftig (3.1%), während es bei den jüngeren Inhaftierten nur 0.7% bzw. 0.2% sind. 

Geeignete Infrastruktur nur teilweise vorhanden

Ältere Inhaftierte ab 60 Jahren kommen nur in 45 von 66 Einrichtungen vor. Viele Einrichtungen verfügen über keine spezielle Infrastruktur für deren Versorgung: Meistens existiert keine bauliche Trennung von älteren und jüngeren Inhaftierten, die auf altersspezifische Bedürfnisse Rücksicht nähme, und nur eine Minderheit der Einrichtungen besitzt eine spezielle Pflegeausstattung (z.B. stufenlose WC/Dusche, rollstuhlgängige Gebäude) oder ein an die Bedürfnisse von älteren Inhaftierten angepasstes Vollzugsangebot (z.B. altersgerechte Mahlzeiten, Arbeits- und Präventionsprogramme). Dafür haben zwei Drittel personelle Massnahmen für die Betreuung von Älteren umgesetzt. 

Pflegebedürftigkeit kann Einrichtungen überfordern 

Alles in allem legen die Befunde nahe, dass ältere Personen im Justizvollzug eine «Randerscheinung» bilden, deren Versorgung die Einrichtungen nicht per se vor Probleme stellt. Zugleich führt die Versorgungssituation vor Augen, dass die Einrichtungen bei einer erhöhten Pflegebedürftigkeit relativ rasch an ihre Grenzen gelangen. In diesen Fällen können Institutionen wie z.B. Spitäler, Kliniken oder forensische Heime die Pflege von älteren Menschen übernehmen.

Der Anteil älterer Personen wird in Zukunft steigen

Seit den 1980er-Jahren ist bei den 60 und mehr Jahre alten Personen gemäss BFS-Daten ein deutlicher Zuwachs zu verzeichnen, der sich in Zukunft fortsetzen wird. Wenn man der Prognose die Gefangenenzahlen der Periode 2000 bis 2017 zugrunde legt, ist davon auszugehen, dass sich die Zahl der älteren Inhaftierten im Strafvollzug von aktuell 200 bis im Jahr 2035 auf 350 Personen erhöhen wird, im Massnahmenvollzug von 96 auf 170 Personen. Bei kurzfristiger Betrachtung (Periode 2007 bis 2017) fällt der prognostizierte Bestand an über 60-jährigen deutlich höher aus.